Selbstverständnis

Gegenkollektiv – aber gegen was?

Wir verstehen uns als linksradikale Basisgruppe, organisiert in Hamburg. Unsere politische Praxis wollen wir von Orten und aus Unterdrückungsmomenten heraus organisieren, an denen wir uns selbst befinden – also lernen, lohnarbeiten, leben – bzw. von denen wir selbst betroffen sind.

Da die aktuelle Ordnung grundlegend auf Ausbeutung und Unterdrückung basiert, sehen wir uns in prinzipieller Gegner*innenschaft zum Bestehenden. Dabei richten wir uns nicht nur gegen die reaktionärsten Elemente darin, sondern arbeiten auch gegen alles, was diese Ordnung mitorganisiert oder sie verteidigt. Ausgangspunkt dafür ist für uns eine radikale Analyse und Kritik der Verhältnisse; radikal in dem Sinne, dass wir nicht nur einzelne Symptome der bestehenden Ungleichheit kritisieren wollen, sondern insbesondere deren Ursprünge bzw. deren strukturellen Zusammenhang. Dazu gehört auch, unsere eigene Verstrickung und die anderer linker Akteur*innen darin zu kritisieren.

Wir organisieren uns als Kollektiv, denn so wollen wir es uns ermöglichen, Beziehungen abseits von Vereinzelung, Verwertungslogik und Konkurrenz zueinander aufzubauen. Das Prinzip der solidarischen Beziehungsweisen soll uns auch ermöglichen, einen Teil unserer Utopie im Hier und Jetzt praktisch zu machen. Wir arbeiten daran, in unseren alltäglichen Kämpfen sowohl solidarische Austauschbeziehungen zu anderen Menschen als auch solidarische Strukturen innerhalb von bestehenden Organisationen zu entwickeln. Damit wollen wir nicht nur angenehmere Räume aufbauen, sondern die Kampfbedingungen und die Handlungsfähigkeit von allen Beteiligten verbessern, was uns letztlich die systematischen Veränderungen ermöglichen soll, die wir für eine befreite Gesellschaft brauchen.

 

Eine wirklich kurze Analyse der Gegenwart

Die gesellschaftliche Realität ist aktuell vor allem durch Krisen- und Unterdrückungsmomente geprägt. Dass es den meisten Menschen schlecht (und zunehmend schlechter) geht ist somit kein „Fehler im System“ wie manche behaupten; vielmehr handelt es sich bei den zahlreichen Krisen und Unterdrückungsverhältnissen um feste Bestandteile der aktuellen Gesellschaftsordnung, die die Grundlage für die Macht und den Reichtum einiger Weniger darstellen. Zudem produziert der Kapitalismus strukturell bedingt ständig selbst neue Krisen: Finanzkrise, ökologische Krise, Energiekrise, etc..  Die innerhalb des Kapitalismus angebotenen „Lösungen“ für seine Krisen stellen dabei in Wirklichkeit nur eine Verlagerung auf die ärmeren Bevölkerungsschichten dar und verstärken die bereits bestehende Ungleichheit.

Die meisten Menschen sind gezwungen, den größten Teil ihres Lebens mit einer Lohnarbeit zu verbringen, die keinen Spaß bringt und letztendlich irgendjemand anderes reich und mächtig macht. Gleichzeitig werden selbst in verhältnismäßig „wohlhabenden“ Ländern Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Heizen für immer mehr Menschen unbezahlbar. Auch in Hamburg ist die Armut allgegenwärtig: Neben Wohnungslosigkeit – als sichtbarste Form des Elends im Stadtbild – existieren vielfach weitere Formen alltäglicher Prekarität, die jedoch mit allen Mitteln verschleiert oder ausgeblendet werden, um den Schein eines funktionierenden Systems aufrechtzuerhalten. Dabei ist Armut eng verknüpft mit rassistischen Unterdrückungsverhältnissen in Form von Gesetzen, Behörden, Polizeigewalt und alltäglichen Diskriminierungen.

Derselbe Rassismus, den wir in Hamburg alltäglich wahrnehmen, stützt auch ein globales Wirtschaftssystem, das grundlegend auf neokolonialer Ausbeutung basiert. Während Rohstoffe und Arbeitskraft aus Ländern des globalen Südens für die Profite „westlicher“ Unternehmen selbstverständlich in globale Produktionsprozesse eingebunden werden, bleiben die „westlichen“ Grenzen den Menschen aus diesen Ländern verschlossen – eine Abschottung, die mit tödlicher Gewalt durchgesetzt wird.

Diese neokolonialen Strukturen stellen eine besonders zugespitzte Form der imperialistischen Konkurrenz dar – die nationalstaatliche Fortsetzung des kapitalistischen Wettbewerbs zwischen Unternehmen um Ausbeutungsmöglichkeiten und Absatzmärkte. Das Ende der Systemkonkurrenz, das Fehlen politischer Utopien und die autoritäre Zuspitzung in fast allen Ländern haben dabei zu einer Enthemmung bei der Durchsetzung der nationalen Interessen geführt, die häufig kriegerische Form annimmt. Auf der ideologischen Ebene wird dafür die Tatsache, dass die Opfer der nationalen Kriegsführung und Abschottungspolitik auch Menschen sind, abgespalten. Per Othering werden „den anderen“ Eigenschaften zugeschrieben, die diese entmenschlichen und die Gewalt gegen sie rationalisieren sollen. Diese Abspaltung ist keine nachträgliche Legitimation, sondern konstituiert überhaupt erst die eigene Nation und deren imperialistisches Projekt.

Ähnliche Abspaltungen, die Ausbeutungsverhältnisse sowohl legitimieren als auch überhaupt konstituieren, sind auch auf anderen Ebenen der bürgerlichen Gesellschaft wirksam. Die Entgegensetzung menschlicher Zivilisation und „Natur“ degradiert zweitere zur bloßen Ressource, die kapitalistisch ausgebeutet werden kann. Die andauernde Behandlung der „Natur“ als Ressource für eine stetig wachsende Produktion hat mittlerweile zu einer ökologischen Krise geführt, die unsere Lebensgrundlagen zu zerstören droht und unseren Planeten als solchen für Menschen (weitgehend) unbewohnbar zu machen.

Eine weitere Abspaltung betrifft die binäre Geschlechterordnung im Patriarchat: Das ideale Subjekt in der bürgerlichen Gesellschaft wird als Mann konzipiert: produzierend, voranschreitend und rational. Demgegenüber wir die Kategorie „Frau“ konstruiert, und alle ihr zugewiesenen Personen werden gesellschaftlich dazu gedrängt, Bedürfnisse anderer zu befriedigen, das Objekt zum männlichen Subjekt zu sein und als „Ressource“ für die (Wieder-)Herstellung von Arbeitskraft und für „männliche“ Sexualität zu dienen. Auf dieser Grundlage soll jegliche Form patriarchaler Ausbeutung legitimiert werden – eine Ausbeutung, die ebenfalls gewaltvoll aufrechterhalten wird, wie die alltägliche Diskriminierung und Gewalt gegen FLINTA* zeigt. Diese Gewalt trifft insbesondere auch queeres Leben, da dieses die heteronormative Binarität praktisch negiert und somit bedroht. Daher machen sich auch all jene zum Teil des Problems, die diese Geschlechterkategorien im Zeichen der Emanzipation verklären („The future is female“) und behaupten, die Frau müsse sich nur an das männliche Ideal anpassen, um endlich Gleichstellung zu erfahren („Girlboss“).

Emanzipatorische feministische Bestrebungen, die diese patriarchale Ordnung angreifen, sehen sich mit einem weit über unterschiedliche politische Lager hinweg verbreiteten Antifeminismus konfrontiert. Dieser Antifeminismus funktioniert oft als verbindendes Element zwischen der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ und „rechtsextremen Kräften“, denn sowohl bürgerliche als auch faschistische Ideologien stützen sich auf eine binäre, patriarchale Gesellschaftsvorstellung. Faschistische Ideologie steht also keineswegs im Widerspruch zu mainstreamigen „bürgerlichen“ Positionen, sondern spitzt in aller Regel bereits vorhandene Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft zu: Neben dem Antifeminismus lässt sich das auch anhand der Kontinuität von staatlich organisierter, rassistischer Abschottung (und Rhetorik) hin zu rechten Anschlägen auf Geflüchtete und rassifizierte Personen nachzeichnen. Die vereinzelten, prekarisierten Individuen im Neoliberalismus bieten dabei einen besonders guten Nährboden für faschistische Vorstellungen von „Heimat und „Volksgemeinschaft“, versprechen diese doch Zuflucht und Geborgenheit vor Vereinzelung und Überforderung. Auf individueller Ebene verschwindet die selbst erfahrene Unterdrückung und Ausbeutung (sowie die eigene Teilhabe daran) dadurch jedoch nicht, sondern muss stattdessen legitimiert werden. Dies geschieht nicht zuletzt durch Hass und Unterdrückung von als „anders“ oder „schwächer“ imaginierten anderen.

Wie sich schon in diesem kurzen Abriss einer Gegenwartsanalyse zeigt, lassen sich die verschiedenen Krisen und Unterdrückungsmomente also nicht losgelöst voneinander betrachten, sondern sie sind eng miteinander verknüpft und bedingen und verstärken sich gegenseitig.

 

Im Kollektiv – über unsere Subjektivierung im Neoliberalismus

Charakteristisch für die bestehenden Verhältnisse ist auch die spezifische Herausbildung neoliberaler Subjekte: Schon im Kindesalter lernen wir für unsere Handlungen, unseren (Miss-)Erfolg und unser persönliches „Glück“ die volle Verantwortung zu tragen. Damit zusammenhängend wird uns auch beigebracht – und insbesondere jenen von uns, die als Männer sozialisiert werden – Verantwortung für andere zu vermeiden und vor allem für uns selbst zu kämpfen. Aus dem Imperativ sich allein durchzuschlagen, folgt eine hoffnungslose Vereinzelung, die in Burnouts, Depressionen und anderen psychischen (und damit auch oft materiellen) Problemen münden kann.

Organisierung ist in dieser individualisierenden Gesellschaft nicht vorgesehen: Wir lernen zwar in Gruppenkonstellationen als Arbeitsplattform zu funktionieren, jedoch nicht uns aufgrund von gemeinsamen Interessen solidarisch zu organisieren und diese Organisierung als Selbstzweck im Sinne kollektiver Handlungsfähigkeit zu begreifen.

Unsere Organisierung als Kollektiv soll deshalb schon in seiner Form der Vereinzelung, die einer im neoliberalen Kapitalismus nahegelegt wird, widersprechen. Denn das Leitbild unserer Gesellschaft „Jede*r kämpft für sich allein“, ist auch in linken Kreisen zu spüren und birgt die Gefahr von perspektivlosem Aktionismus: Im schlimmsten Fall dient die politische Gruppe nicht mehr der Verwirklichung gemeinsamer Ziele, sondern wird als Plattform für Selbstinszenierung und die eigene moralische Gewissensbefriedigung genutzt – ganz nach dem Motto: lieber irgendwas als gar nichts tun und damit als eine*r von den „Guten“ dastehen. Genau das aber wollen wir verhindern. Stattdessen wollen wir durch unsere Organisierung kollektive Handlungsfähigkeit erreichen, die es uns ermöglicht über kapitalistische Glaubenssätze wie das Ende der Welt sei wahrscheinlicher, als das Ende des Kapitalismus hinauszudenken und planvoll als politische Akteurin zu arbeiten.

 

Radikale Kritik und Utopie

Grundlegend für unsere politische Arbeit ist die Kritik am Bestehenden. Kritik beginnt für uns mit dem Gefühl, dass die Verhältnisse unannehmbar sind. Eine Entwicklung der Kritik bedeutet dabei gleichzeitig eine Konstruktion politischer Utopie, die wiederum Maßstab ist, um weitergehende Kritik zu formulieren. „Radikal“ ist Kritik für uns dann, wenn sie es schafft, die verschiedenen Unterdrückungsverhältnisse als miteinander verbunden zu benennen, wenn sie dem realexistierenden Kapitalismus eine Utopie entgegensetzen kann und wenn sie einen Weg skizziert, auf dem die Utopie erreicht werden kann. Dies bedeutet für uns auch, sowohl andere linke Akteur*innen solidarisch zu kritisieren als auch unsere eigene Praxis kontinuierlich einer kritischen Selbstreflexion zu unterziehen.

Der Entwurf einer Utopie ist dabei keine Realitätsflucht oder Revolutionsromantik, sondern motiviert die Praxis, deckt im Alltag versteckte Anknüpfungspunkte für revolutionäre Praxis auf und ermöglicht, verschiedene Strategien zu entwickeln und zueinander ins Verhältnis zu setzen. Auch bewahrt uns Utopiebildung davor, in sozialdemokratische Symptombekämpfung zu verfallen und nur noch gegen die schlimmsten Auswirkungen, statt gegen die Ursachen von systematischer Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen.

​​​Kritik ist für uns auch das Lernen aus der Geschichte, sowohl aus der Praxiserfahrung organisierter linker Kräfte als auch aus den real existierenden Abgründen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Erkenntnis, dass die Verhältnisse nicht in einem geschichtsleeren Raum entstanden, sondern Menschengemacht sind, bedeutet zugleich, dass eben jene Verhältnisse auch von Menschen veränderbar sind. Utopisches Denken bleibt daher keine Wunschvorstellung, sondern eine real erreichbare Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt.

 

Organisierte Solidarität

Um eine bessere Zukunft zu erkämpfen ist es notwendig, die weiter oben beschriebenen Abspaltungen, die die bürgerliche Gesellschaft konstituieren, zu überwinden und abzulösen. Dafür müssen neue Beziehungen und Strukturen aufgebaut werden, die es ermöglichen, bisher abgespaltene Bereiche wieder zu integrieren und gesamtgesellschaftlich zu organisieren. In Anlehnung an Bini Adamczak nennen wir diese neu zu schaffenden Beziehungen solidarische Beziehungen. Entgegen der gängigen bürgerlichen Auffassung verstehen wir Solidarität dabei nicht als moralische Handlungsanweisung für Individuen, sondern als zu organisierendes Grundprinzip. Das heißt, dass wir als Alternative zur herrschenden Ordnung eine Gesellschaft anstreben, die statt auf Ausbeutung, Konkurrenz und instrumentellen Verhältnissen auf organisierten solidarischen Beziehungen basiert.

Solidarische Beziehungen entstehen natürlich nicht aus dem nichts, sondern müssen sich entwickeln. Dies passiert unserer Auffassung nach insbesondere im Rahmen gemeinsamer Kämpfe gegen die herrschenden Verhältnisse und auf Basis gemeinsamer Interessen. Häufig lässt sich beobachten, wie durch und während kämpferischer Proteste für gemeinsame Ziele neue Beziehungen zwischen den Kämpfenden entstehen und alte, hierarchische Strukturen praktisch in Frage gestellt und abgebaut werden. Es kann also durch gemeinsame Interessen eine materielle Basis für solidarische Beziehungen bestehen. Gleichzeitig ist klar, dass nicht alle Menschen eine universelle materielle Basis teilen, auf deren Grundlage sich solidarische Beziehungen entwickeln können: Menschen sind sehr unterschiedlich von den vieldimensionalen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen betroffen, wodurch auch ihre unmittelbaren Interessen an deren Überwindung unterschiedlich sind. Gerade deshalb ist es wichtig, auch ohne identische materielle Interessen solidarische Beziehungen aufzubauen. Dafür müssen die eigenen Verstrickungen in Unterdrückungsverhältnisse reflektiert und analysiert werden, um daraus Schlüsse für die eigene Rolle in verschiedenen Kämpfen zu ziehen.

Aus alledem (und trotz alledem) schließen wir also:

Der neoliberalen Subjektivierung (auch unserer eigenen) wollen wir eine kollektive Organisierung entgegensetzen. Dabei nehmen wir unsere eigene Betroffenheit von den bestehenden Verhältnissen als Ausgangslage für unsere Praxis. Das heißt, dass wir vor allem dort Kämpfe führen und selbst organisieren, wo wir auch selbst von Ausbeutung und Unterdrückung betroffen sind, und zwar gemeinsam mit denjenigen, mit denen wir Erfahrungen und Interessen teilen. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, auch zu anderen emanzipatorischen Kämpfen solidarische Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, und bei Bedarf unsere kollektive Handlungsfähigkeit zur Verfügung zu stellen. Wir sehen solidarische Beziehungen als ein wichtiges Mittel für erfolgreiche Kämpfe; gleichzeitig weisen sie bereits im Hier und Jetzt auf eine bessere Zukunft hin, weshalb ihr Aufbau und ihre Ausweitung auch über die eigene Gruppe hinaus Selbstzweck ist und somit ein eigenes Ziel, auf das wir hinarbeiten wollen.